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Home >ReactOS News >News #50: FOSDEM Tagebuch2009-02-23, Z98 Das folgende Tagebuch hat KJK::Hyperion über seine Erlebnisse auf der FOSDEM geschrieben. Da alle der Entwickler der Meinung waren, dass der Text sich sehr unterhaltsam liest, wurde es zum offiziellen Tagebuch des Projektes. Abgesehen von behutsamer Kürzung, Korrektur der Rechtschreibung und der Namen steht es hier genau so, wie er es geschrieben hat. Inklusive der etwas seltsamen Grammatik. Viel Spaß! FreitagUm 3.30 Uhr das Haus verlassen. Meine pessimistische Schätzung geht von zehn Stunden Reise von zu Hause (Mailand, Italien) bis zum Hotel (Brüssel, Belgien) aus. Die pessimistische Schätzung sollte Recht behalten. Ich traf endlich Aleksey (Fireball) und seinen Bruder Vladimir um ca. 15.30 Uhr an der Rezeption des Hotels (wobei sich herausstellte, dass "großer Bruder" tatsächlich kein verharmlosender Code für "KGB-Mentor" war). Es sieht so aus, als sei der einzige annehmbare Ort für ein Mittagessen das italienische Restaurant auf der anderen Straßenseite. Das ist mal wieder typisch: zehn Stunden Reise, nur um italienisches Essen zu essen, italienische Musik zu hören und von italienisch sprechenden Leuten umgeben zu sein. Nachmittags kommen Stefan, Andrew und Andrews Freundin (Stefan100, silverblade und Starflow) im Hotel an. Bis wir uns alle eingerichtet, ausgeruht, geduscht usw. haben ist es Zeit zum Abendessen zu gehen. Aber davor haben wir noch geplant am FOSDEM Beer Event im Delirium Café teilzunehmen. Auf dem Weg zur Veranstaltung (an der wir trotz Fireballs GPS-Navigationssystem tatsächlich ankommen) kommen wir an einem Platz vorbei, der von wunderschönen historischen Gebäuden, unter anderem vom Rathaus, umgeben ist. Hätten wir doch nur eine Kamera dabei gehabt. Das Beer Event ist viel zu voll, und Fireball kann seinen Bekannten (einen Russen vom Mozilla Projekt) nicht finden, also geben wir es auf und suchen stattdessen nach einem Platz zum Abendessen. Wir schauen uns um und müssen feststellen, dass wir uns mitten in einem komplexen und unentrinnbaren Netz von Touristenfallen Restaurants befinden. Wir werden immer wieder von Restaurantseigentümern belästigt, bis wir irgendwann aufgeben und ein Lokal betreten, an dem wir davor schon mindestens dreimal vorbeigegangen sind. Ein Kellner mit einem Lächeln wie das eines Massenmörders führt uns an einen Tisch im oberen Stockwerk. Das Essen ist gut, auch wenn wir versuchen, nicht darüber nachzudenken, aus was die verschiedenen "Special Sauces" (ein Begriff, den der Kellner gegenüber Fremden wohl für jedes Essen benutzt) gemacht sind. Brüssel ist zwar viel teurer als ich es gewöhnt bin, aber alles Essbare was aus dem Meer kommt ist wirklich erschwinglich. Auf dem Rückweg zum Hotel, bekommt Stefan100 wieder Hunger und geht zu einem nahe gelegenen Pizza Hut. Da ich inoffiziell die Rolle seines großen Bruders angenommen habe, komme ich mit, egal wie schrecklich ich seinen Geschmack finde was Essen angeht. Zurück im Hotelzimmer, klärt mich Stefan100 darüber auf, wie absolut gelungen "Left 4 Dead" ist. Irgendwie wandert das Gespräch aber von dort zu Biologie, Genetik, Evolution und wir reden bis zum Schlaf über die Bedeutung von Prions und versichern uns, dass wir zwangsläufig den Wecker überhören und zu spät zur FOSDEM kommen werden. SamstagStefan100 und ich überhören den Wecker und kommen zu spät zur FOSDEM, während sich Fireball, silverblade und Starflow beeilen und uns am Hotel zurücklassen. Ich stocke meinen Nahrungsvorrat am Frühstücksbuffet wieder auf (Speck und Eier und Würstchen!). Stefan100 übertrifft meine Erwartungen wieder einmal, indem er die in der Mikrowelle aufgewärmten Reste von Pizza Hut frühstückt. Nach dem Frühstück nehmen wir den falschen Bus, da die Haltestelle näher ist als die des richtigen, werden aber dafür bestraft, indem wir von der Endhaltestelle länger zur FOSDEM laufen müssen. Ich weiß immer noch nicht, was die FOSDEM eigentlich ist. Es stellt sich heraus, dass die FOSDEM wohl eine Kombination aus Messe und Konferenz ist, die in einem Gebäude der Universität stattfindet. Wir treten ein, schauen nach dem Stand von ReactOS und treffen Starflow, die Flyer verteilt. Sie überweist uns an ein anderes Gebäude in der Straße. Dort, weg vom Mainstream und den TV-Kameras, werden entwicklerorientierte Gespräche geführt und haben die Projekte mit mehr Pech ihre Stände. Dort, soweit vom Eingang entfernt wie überhaupt möglich, teilen wir uns einen Stand mit Haiku und Syllable. Ich nenne den Stand "Ghetto der alternativen Betriebssysteme", zu Stefan100s Belustigung. Wir ziehen die Jacken aus, packen unsere Sachen aus und beginnen mit der Arbeit. Colin Finck, die einzige Person die legalerweise Geldspenden entgegen nehmen kann (wir haben eine Spendenbox) ist immer noch nicht da und wird nur am Nachmittag zu uns treffen. Wir haben endlich eine verlässliche Grafikdesignerin (Starflow) in unserem Team, und es fängt schon an Auswirkungen zu zeigen. Wir haben jetzt Flyer, Anstecknadeln, Aufkleber, Visitenkarten, Namensschilder und per Lightscribe bedruckte Demo-CDs. Allerdings keine Visitenkarten für mich, weil ich etwas gegen das Design einzuwenden hatte (meiner Meinung nach sahen sie auf dem Bildschirm albern aus). Und ein leeres Namensschild, weil meine "Nur den Nickname, sonst nichts" Methode zu wenig eindeutig war. Aber kein Problem, ich improvisiere eben eines mit einem Kugelschreiber, wofür ich mir den Titel "Namensschild-Improvisator" verleihe. Alle Vorbereitungen sind getroffen, es wird Zeit für die gute alte Vertreter-Arbeit. Dieses Jahr bin ich sogar halbwegs passend angezogen, mit einem Nadelstreifen-Jackett über einem grauen Shirt mit Tattoo-Aufdruck (ohne Krawatte) und ausgewaschenen Jeans (Gesamtwert: weniger als 200€). Es stellt sich heraus, dass wir sozusagen Eis an Eskimos verkaufen, weil die meisten Besucher am Stand anhalten um "Hallo" zu sagen, die das Projekt schon kennen, auch schon die Version 0.3.8 heruntergeladen haben, und uns ermutigen so weiter zu machen. Ich sammle ein paar Visitenkarten, wobei ich meine nicht oft weitergebe und sicher gehe, sie nicht innerhalb einer vernünftigen Zeit zurückzurufen (mit Erfolg). Ich bekomme auch gute Kritik, dass wir uns nicht direkt mit Windows anlegen, sondern uns lieber auf Nischen wie Netbooks oder Embedded Systeme konzentrieren sollten (Erzählt mir etwas neues!). Unter den Härtesten Kunden ist ein Typ von PostgreSQL, der entscheidet, sich nicht von meinem genialen Nadelstreifenanzug getäuscht zu werden. Aber ein Gespräch und persönlicher Kontakt mit Fireball lockert seine Stimmung. Was die Schicht am Stand angeht, ist Fireball geradezu perfekt. Er ist freundlich, hat ein warmes Wesen und kennt viele Leute. Starflow arbeitet (traurig, aber nicht zu ändern) als unsere Hormonfalle. Typen bleiben stehen um mit ihr zu reden und werden zu einem behaarten Italiener in einem billigen Anzug geschickt, wenn ihre Fragen zu technisch werden. Ich wirke (glaube ich) so wie einer der wenig redet (und das auch noch falsch), aber wenigstens versuche ich mit jedem zu reden. Aber viel zu oft lassen wir Leute sich unseren Stand anschauen und dann ohne Diskussion und ohne Werbegeschenk gehen. Wir müssen unser Team wirklich einmal für das richtige Verhalten auf Ausstellungen trainieren, oder zumindest jedem etwas zu tun geben. Ich denke zum Beispiel, wir hätten uns für Vorträge melden sollen, da meiner Erfahrung nach dadurch eine Menge Aufmerksamkeit erregt wird und das Projekt für die Leute "echter" wirkt. Und es hätte unserem Team etwas anderes zu tun gegeben als die ewige Plackerei am Stand. Stefan100 brennt beispielsweis darauf, technische Details mit anderen Entwicklern zu besprechen. Glücklicherweise bleibt ein Bekannter des Projekts (von der LinuxWorld Expo 2004) am Stand stehen, den Stefan100 mit Fragen über Interrupt Handler und die Vorteile von User-Mode Puffer Handling Modellen löchern kann. Ein besonderer Tiefpunkt der FOSDEM ist das Mittagessen. Es kommt nämlich entweder aus Automaten oder vom Hot-Dog Stand vor dem Gelände. Ein Höhepunkt sind die großen Mengen an wertlosen Werbegeschenken die von den größeren Projekten verteilt werden. Ich finde Gefallen an den Mozilla Anstecknadeln (inklusive eines seltenen und schönen "RSS icon"-Exemplars). Noch ein Höhepunkt sollten die Vorträge von bekannten Mitgliedern der Projekte, aber ich kann mich einfach nicht dazu überwinden den Stand zu verlassen. Aber der beste Teil ist ohne Zweifel die Menge und die Qualität der Leute die man trifft. Wir treffen unseren Nachbarn im Ghetto für alternative Betriebssysteme und langjährigen Kollegen auf Ausstellungen, mmu_man aus Haiku. Wir treffen Leslie Hawthorn vom Google Summer of Code, die ausgesprochen freundlich zu uns ist, trotz der Tatsache, dass ReactOS dort in den letzten drei Jahren praktisch ausgeschlossen war. Wir treffen Leute von der Free Software Foundation Europa, die etwas geringschätzig von ihren hippiemäßigen US-Amerikanischen Kollegen sprechen, und wirklich in Ordnung wirken. Wir nehmen an einem "Dinosaurier"-Quiz von KDE und werden Zweiter (hinter Mozilla), was uns eine Spende einbringt. Ich treffe bonsaikitten von Gentoo, den ich durch unseren gemeinsamen Freund Flameeyes von Gentoo/FreeBSD, und frage ihn nach dem Fortschritt Gentoo's an Interix (das offizielle Linux-Subsystem für Windows). Er verweist mich an Markus Duft, der mir mit Enthusiasmus ein stabiles Windows Build von Gentoo , das fröhlich auf einem Windows Server 2003 System läuft (eines Tages, das schwöre ich, wird das ein ReactOS System sein!). Abgesehen von Eike von OpenLabs und Alberto Furia (Straluna) von Debian, den ich noch von OpenDay 2008 kenne und schon am Flughafen treffe, treffe ich nicht weniger als fünf verschiedene Leute aus Italien (AUGURI MALA!). Ich nehme nicht wahr, dass sie Italiener sind und sie nicht, dass ich es bin, aber die meisten fragen irgendwann nach. Zwei Leute wissen nicht, dass ich Italiener bin, bis wir uns im selben Rückflug begegnen. Und die Moral: wir sollten auf unseren Namensschildern eine Liste der gesprochenen Sprachen haben. Der Tag ist lang und erschöpfend. Das Wahrzeichen von Brüssel als Anhaltspunkt suchen wir den Rückweg durch das Touristenviertel. Ich will in einem belgischen Restaurant ein belgisches Essen samt Waffeln essen. Ich habe herausgefunden, dass Brüssel eine Menge italienischer Restaurants hat, während sich Fireball andauernd über den Mangel an russischen Restaurants beschwert. Letztendlich finden wir uns zwischen einigen wieder und schauen uns um. Kurz darauf erblicken wir eins, an dem russische Schriftzeichen zu sehen sind. Unsere Wahl ist getroffen: wir verdanken sie zum großem Teil Fireball. Unglaublich - es gibt im Restaurant ein 12€-Menü, und zu jedem Essen kostenlosen Nachtisch(Waffeln!) Für mich ist es eine willkommene Abwechslung: denn wenn man in Mailand in Italien wohnt, gewöhnt man sich an Abendessen für mindestens 30€ und an das Gefühl, selbst für jeden einzelnen Zahnstocher bezahlen zu müssen, wenn sich das durchsetzen ließe. Ich entscheide mich trotzdem für ein Essen à la carte. Als erstes will ich die Zwiebelsuppe probieren (ich habe sie einmal gekocht und will sehen ob sie richtig geworden ist), als nächstes traditionell Belgische Moules Frites. Der Kellner scheint zwar beim Gedanken an Zwiebelsuppe und Moules Frites zu erschaudern, stimmt aber pflichtschuldigst zu. Andere am Tisch nehmen das 12€-Menü, und Stefan100 probiert das Hühnchen statt Fisch. Ich verschlinge glücklich einen Berg Muscheln, auf eine immer unordentlichere Weise: erst ziehe ich das Jackett aus, dann benutze ich die Finger anstatt der Gabel und dann kremple ich noch die Ärmel hoch. Während man bis zu den Ellbogen in Muscheln steckt über ReactOS zu reden macht Spaß, wir sollten das mal wieder tun. Später im Hotel besuchen uns Silverblade und Starflow mit einer Videokamera, um uns zu interviewen. Stattdessen kriegen sie eine Real-Life Version unserer Albernheiten aus dem IRC Channnel. Fireball lehnt höflich die Teilnahme ab. Dann gebe ich dem Rest des Teams die obligatorischen ReactOS Crew T-Shirts. Wenige Zeit später liegen wir auch schon in den Betten und Stefan100 ist Gott sei Dank zu müde um weiter Schwachsinn zu labern. SonntagWir trafen uns alle zum Frühstück (mit Ausnahme von silverblade und Starflow, die zum Essen in ein Fast-Food-Restaurant gegangen sind). Währenddessen gesellte sich Pierre Schweitzer (Heis Spiter)zu uns an den FOSDEM-Tisch, welcher früh kam und noch früher ging. Ich hatte gerade einmal Gelegenheit, ihm eines unserer übrig gebliebenen ReactOS T-Shirts zu geben. Da verschwand er auch schon. Es überfiel mich ein beklemmendes Gefühl, als die niederschmetternde Rechnung unserer Abreise eintraf. Es war nicht viel, da Sonntags weniger los ist auf der FOSDEM (natürlich hatten wir mehr Ausgaben als am Samstag). Ich vermisste die einzige Unterhaltung, an der ich wirklich interessiert war (so etwas wie "Wann zum Teufel kommt Thunderbird 3 raus?"). Ich hatte ein furchtbares Burger-Fritten-Frühstück. Es hat unglaublich Spaß gemacht, die teils kritischen Menschenmassen mit so vielen Projekt-Mitgliedern anzutreffen. Aber das ist ja nun vorbei und jeder geht seine Wege. Stefan100 begleitete mich. Wir teilten uns den Weg, bis wir auf unterschiedliche Flughäfen gingen. Es schien, als mag Stefan100 keine Umarmungen (Er ist wohl eher der Handschlags-Typ). Auf dem Weg zum Flughafen wurde ich Zeuge einer dramatischen Abschiedsszene zwischen einem jungen Pärchen. Mit dem Gesicht voller Tränen stieg der Junge als Letzter in den Bus ein. Eine unglaubliche Anzahl an Menschen tauchte auf einmal am Bus auf, als dieser die Autobahn erreichte. Die Fahrt wurde ruhiger, das Radio ging aus und die Heizung an. Ich schwöre, dass alle Reisenden gleichzeitig eingeschlafen sind. Vielleicht nahm die Autobahn einen Umweg über Oz. Am Flughafen angekommen nutzte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Dyson Airblade (Handsteuerung - und es flog!). Ich fand die größte Büroklammer, die ich jemals sah. Schließlich setzte ich mich hin und aß die Kekse, welche Starflow für das gesamte Team gemacht hatte (einfach köstlich). Der Aufbau meines Bekannten-Netzwerk wurde wieder einmal durch das Fehlen der Business Cards vereitelt, als ich 2 Leute von der FOSDEM traf und keine Möglichkeit zum Austausch der Kontaktdaten fand. Im Flugzeug traf ich auch Riccardo Mottola (Grey Gandalf) von GNUStep wieder und unterhielt mich bis zur Erschöpfung mit ihm. Nach einem kurzen Flug und langem Pendeln traf ich dann endlich zu Hause ein. SchlußfolgerungDas Video, dass Andrew auf der FOSDEM gemacht hat, kann in zwei Teilen auf Youtube gesehen werden.Teil 1 ist hier und Teil 2 hier. Andrew brachte eine kombinierte LiveCD und Install-CD mit zur FOSDEM, auch mit Quelltext von 0.3.8, Entwicklungsumgebung und ein fertiges Qemu Image. Für diejenigen, die nicht teilmehmen konnten, werden wir bald eine Kopie hochladen und verlinken. |